Online Therapie - Eine Einführung (1/9)
Niklas David (2002)
- Kurzer Abriss zur geschichtlichen Entwicklung der Online-Therapie
- Kommunikationsmodalitäten der Online-Therapie
- Pro- und Contra-Diskussion der Online-Therapie
- Ethische Richtlinien, praktische Guidelines und Qualitätssicherung
- Modifikation bestehender Interventionsverfahren
- Empirische Untersuchungen und Wirksamkeitsnachweise
- Online-Therapie: Definitions- und Einordnungsversuche
- Anhang
- Literatur
Das Kommunikationsmedium Internet ist im Begriff, zahlreiche Aspekte des zwischenmenschlichen Lebens zu verändern. Bereits schon jetzt in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens institutionalisiert, bietet das Medium auch bezüglich der praktischen Psychotherapie neue Perspektiven. In ihrer "Einführung in die US-amerikanische Debatte über Online-Therapie" formuliert Bobert-Stützel (2001) treffend: "Das therapeutische Potential scheint jeder Möglichkeit von Kommunikation innezuwohnen."
Seit den frühesten Anfängen profitieren vor allem Selbsthilfegruppen von den neuartigen Möglichkeiten der Vernetzung und sind bis zum heutigen Zeitpunkt im Internet weit verbreitet. Hoch frequentierte Webseiten zu bestimmten Störungsbildern existieren auch in deutscher Sprache (z.B. www.paniker.de, www.magersucht-online.de). Hier können sich Betroffene in öffentlichen, halb-öffentlichen oder geschlossenen Foren-Systemen oder E-Mail-Listen austauschen. Einen Grenzbereich zwischen Selbsthilfe und professionellem Hilfsangebot decken sog. "Expertenforen" ab, in denen die Moderation von einem "Experten" (z.B. Arzt, Psychotherapeut, Sozialarbeiter etc.) übernommen wird. Als Beispiel sei auf das Forum der Seite www.panik-attacken.de verwiesen.
Insgesamt hat der Einsatz von Computern (offline) und die Anwendung von "Virtual environments" zur Unterstützung von Programmen zur Verhaltensmodifikation schon eine längere Tradition (Selmi et al. 1982, Burnett et al. 1985, Carr et al. 1988, Chandler et al. 1988, Newman et al. 1996). Die Anfänge einer professionell psychotherapeutischen Nutzung des Internets (in Form einer ausschließlich auf der Online-Ebene praktizierenden Psychotherapie) liegen dagegen weitestgehend im Dunkeln (Bobert-Stützel 2001). Seit ca. 1994/95 hat sich allerdings eine namhafte Szene um die Pioniere John Grohol, David Sommers und Leonhard Holmes gebildet, die mehr oder weniger erfolgreich die ersten Versuche einer kommerziellen Nutzung von Online-Therapie starteten und damit eine intensive Debatte bezüglich der Möglichkeiten bzw. Unmöglichkeiten einer psychotherapeutischen Online-Intervention in Gang gesetzt haben. John Grohol ist mittlerweile zum Direktor einer der größten "E-Kliniken" (www.helphorizons.com) im Netz aufgestiegen (mit über 300 "niedergelassenen" bzw. verlinkten Therapeuten). Leonhard Holmes beantwortete anfänglich E-Mails auf einer sog. "pay if it helps" Basis und geht damit in die Geschichtsschreibung als der erste kommerzielle Online-Therapeut ein. David Sommers versuchte im Gegensatz zu Holmes, eine therapeutische Langzeit-Beziehung zu seinen Klienten aufzubauen. Zwischen 1995 und 1998 bot er über 300 Personen auf kommerzieller Basis eine Online-Therapie an. 75% der Kontakte waren jedoch einmalig (Bobert-Stützel 2001). Martha Ainsworth, eine E-Mail-Klientin der ersten Stunde, stellte mit ihrer Webseite www.metanoia.org den ersten umfassenden User-Guide für Online-Therapie ins Netz. Nach Ainsworth (2000) gleicht die zahlenmäßige Entwicklung der therapeutischen Online-Angebote einem Marktboom: waren es im November 1995 noch ca. 12 Webseiten verschiedener Therapeuten, so geht man seit April 2001 von ca. 300 Online- Therapeuten sowie drei E-Kliniken mit ca. 500 verlinkten Therapeuten aus (die aufgeführten Zahlen nennen eine ungefähre Untergrenze). Nach John Grohols Schätzung wird es bis zum Jahr 2005 bereits über 5000 psychotherapeutische Angebote im Netz geben (Grohol 2000).
Im deutschsprachigen Raum existieren derzeit um die 20 private, kostenpflichtige Anbieter (nach eigener Recherche im Jahr 2002; vgl. auch Lang 2001). Generell ist aber zu beobachten, dass sich die Nachfrage auf honorarfreie Dienstleistungen konzentriert: Reine psycho-edukative Informationsseiten, Selbsthilfeforen oder beraterische Angebote freier Träger wie die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de), Profamilia (www.profamilia-online.de) oder das Beratungsnetz (Portal zu weiteren freien Trägern, www.das-beratungsnetz.de) verzeichnen hohe Zugriffsraten (z.B. an die 500 E-Mails pro Woche bei "profamilia-online"; nach persönlicher telefonischer Mitteilung), kostenpflichtige Angebote werden nach einer Beurteilung von Lang (2001) derzeit nur selten angenommen. "Die generell geringe Bereitschaft vieler Menschen [...] für nicht konsumtive Leistungen gesundheitlicher Art zu bezahlen" (Lang 2001) als deutsches bzw. europäisches Phänomen abzutun wäre jedoch voreilig, da notwendige internationale Vergleichsstudien bisher fehlen.
Die hohe Fluktuation der professionellen Anbieter macht eine Bestandsaufnahme und Statistik fast unmöglich: innerhalb von wenigen Wochen sind viele Seiten bereits wieder offline, zudem können zahlreiche Online-Angebote veraltet sein, denn hinter vielen "Online-Praxis-Schildern" lässt sich keine praktische Tätigkeit mehr feststellen. Die oben genannten Zahlen sind also nur als grobe Schätzungen zu verstehen.
Online-Therapie ist streng genommen nicht der erste Versuch einer therapeutischen Umsetzung, der auf eine ausschließlich textbasierte Interaktionsebene zurückgreift. Neben zahlreichen griechischen Lehrbriefen, deren Existenz bis ins 5. Jhd. v. Chr. reichen (Empedokles, Isokrates, Theopomp, Aristoteles) ist vor allem die Philosophie der griechischen und römischen Klassik anzuführen: im Anschluss an die Naturphilosophie entwickelte sich in dieser Epoche eine Lebensphilosophie (u. a. Protagoras, Epikur, Seneca), mit der eine Minimierung des menschlichen Leidens angestrebt wurde. Fragmente der daraus entstandenen Briefkultur sind uns bis in die Neuzeit erhalten geblieben (v. a. die Briefkorrespondenz von Cicero enthält neben der Trostspende Inhalte von intendiert belehrender Natur). Diese frühe Form der Briefliteratur kann man sowohl als einen historischen Vorläufer der kognitiven Therapie (vgl. Revenstorf 1996) wie auch der heutigen textbasierten Interventionsversuche (via Internet) verstehen. Auch Freud pflegte einen regen schriftlichen Kontakt zu einigen seiner Patienten. Seine Methode der freien Assoziation wurde von Techniken des kreativen Schreibens weitgehend beeinflusst (Monte 1980). Das Schreiben wurde in der Psychotherapie-Geschichte also lange vor dem Aufkommen des Internets als eine therapeutische Modalität der Intervention entdeckt. Die historischen Wurzeln dieser "para-therapeutischen Technik" (L'Abate 1991) können bei Progroff (1980) und Phillips & Wiener (1966) nachgelesen werden (Letztere betrachten die Schreibtherapie als "new approach to treatment and training" und haben in einer frühen empirischen Untersuchung die Effektivität eines schriftlichen Kontaktes zwischen Therapeut und Klient untersucht (Phillips & Wiener 1966).
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